31.08.2018

Kolumne August 2018

Maya Wulz, Vorsitzende Ortsverband Herrenberg und Gäu

Zwischensumme

Geld regiert die Welt - auch die kommunalpolitische. Im Falle des Geldsegens aus Berlin für die Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität („Modellstadt") können wir uns als Herrenberger*innen nur freuen. Langgehegte Träume und ganz konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Mobilitätssituation sollen umgesetzt werden. Was bedeutet das für den Radverkehr? Obgleich die Zuschüsse aus Berlin keine Radverkehrsförderung vorsehen, beabsichtigt die Stadt das Thema parallel mit den bezuschussten Maßnahmen (dritter E-Kleinbus, Linientaxis, verbilligte Tages- und Monatstickets, Mobilitätsapp, Verkehrsverstetigung durch u.a. Tempo 20-40, ...) zu behandeln.

Dieses Vorgehen liegt auf der Hand - niemand will in drei Jahren das ganze Mobilitätspaket unter dem Radaspekt noch mal aufschnüren.
Jetzt soll es Radschutzstreifen auf den Hauptverkehrsachsen für die "Straßenradler" geben (laut bisher bekannten Überlegungen sind allerdings noch viel zu wenige vorgesehen) und für die Mehrheit, die weniger mutigen „Außenrumradler“ und auch die Kinder, soll es neue und flüssigere Querwege durch die Stadt geben.
Um deren Akzeptanz zu stärken und damit den Radanteil am Verkehrsaufkommen zu steigern, ohne das keine Verkehrswende gelingt, sind zwei Maßnahmenbereiche unverzichtbar: zum Einen endlich durchgängig niveaugleiche Straßenübergänge, die mittels genoppter Querungsmarkierungen auch für Blinde (rechts)sicher passierbar sind, und in der Kernstadt an etlichen Stellen auch schon vorhanden sind. Auch die Nutzer*innen von Rollis, Gehhilfen und Kinderwagen werden sich freuen, nicht mehr durchgeschüttelt zu werden. Zum Andern längere und schnellere Querungszeiten an Ampeln.

Hierbei sind natürlich Konflikte mit dem angestrebten zügigeren Verkehrsfluss für Autos und Busse vorprogrammiert. Der Gemeinderat muss darauf achten, dass nicht nur die Interessen der Straßennutzer*innen im Vordergrund stehen. „Gleichberechtigte Mobilität" – das war schon bei der Kommunalwahl 2014 ein Hauptanliegen der Grünen. Wo fehlt's noch? An welchen Brennpunkten müssen wir weiterarbeiten? Nicht alle wollen und können Radfahren. Die großen Defizite bei Fuß- und Busverkehr müssen deshalb gleichrangig mit abgearbeitet werden. Dazu gehören: eine Lösung an der Reinhold-Schick-Platzkreuzung, damit die Busse die S-Bahnen sicher erreichen.
Ganz wichtig: eine viel bessere Anbindung der Außenstadtteile, denn ein Großteil des selbstproduzierten Quellverkehrs, der die Kernstadt belastet, entsteht dort. Auch nach Auslaufen der Modellstadtförderung müssen die dann erzielten Verbesserungen im Modal Split – dem Anteil aller Mobilitätsarten am Gesamtverkehrsaufkommen – durch die Vermeidung des Autoverkehrs erhalten werden. Das wird dauerhaft höhere Ausgaben bedeuten.

Nach Jahrzehnten der Förderung von lebens“unfreundlichen“, autogerechten Städten für nie in Frage gestellte Milliardenbeträge und Folgekosten, die unhinterfragt von den allgemeinen Staatsausgaben getragen werden, ist eine Verlagerung des Investitionsschwerpunkts überfällig und Gebot der Stunde.

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